Sonntag, 5. November 2006

"Eden"

Taschenbuch-Cover

Heute möchte ich einen Roman empfehlen, den ich gerade wieder einmal gelesen habe: es handelt sich dabei um den Science-Fiction-Roman "Eden" (1960) des in diesem Jahr verstorbenen polnischen Autors Stanisław Lem.

Entdeckt habe ich Lem eigentlich per Zufall, als mir (das war noch in den Siebzigerjahren) meine Oma aus der damaligen DDR zu Weihnachten seinen - ebenfalls Anfang der Sechzigerjahre geschriebenen - Roman "Der Unbesiegbare" (in der DDR im Verlag "Volk und Welt" erschienen) geschenkt hat, und obwohl ich zuerst ehrlich gesagt skeptisch war, las ich dann mit wachsender Faszination ob der Handlung, dem Detailreichtum (der - bei SF-Autoren eher eine Seltenheit - auch technisch fundiert geschildert wird) und der gewissen "Atmosphäre", die meiner Ansicht nach typisch für einen osteuropäischen Autor ist. (Ich kann das nur schwer in Worte fassen; einige Leser wissen vielleicht, was ich meine.)

Zu "Eden":
Ein Raumschiff mit sechs Mann Besatzung stürzt aufgrund einer fehlerhaften Berechnung auf dem bisher kaum erforschten Planeten Eden ab. Nach dem ersten Schock richtet sich die (sympathisch charakterisierte) Besatzung provisorisch ein und macht sich, da das Schiff stark beschädigt und an einen sofortigen Start nicht zu denken ist, an eine erste Erkundung der Umgebung. Sie stellen dabei fest, daß Eden von einer technisch hochstehenden Zivilisation bewohnt wird. Nach einer Reihe von Begegnungen mit dieser Zivilisation fragen sich die Astronauten jedoch, ob sie aktiv eingreifen sollen, um die nach und nach immer offensichtlicher werdenden gesellschaftlichen und politischen Mißstände auf diesem Planeten zu korrigieren.

Für diejenigen, die das Werk von Stanisław Lem noch nicht kennen, an dieser Stelle ein paar Anmerkungen:
Lem war - gerade für einen Science-Fiction-Autor - schon insofern eine Ausnahmeerscheinung, als er über ein enzyklopädisches Wissen in den verschiedensten Bereichen verfügte und dieses Wissen auch absolut souverän in seinen Büchern einsetzte. (Er hatte meines Wissens u. a. einen akademischen Grad in Kybernetik; zuerst - das war im Anschluß an den 2. Weltkrieg . hat er allerdings Medizin studiert.1) Dann seine Sprache: Lems Bücher (seine ganz frühen Bücher kenne ich kaum) sind nicht nur stilistisch ausnehmend gut geschrieben - sie zeichnen sich darüber hinaus durch eine teilweise wirklich atemberaubende Detailfülle und einen Sinn fürs "Atmosphärische" aus, den ich bisher bei nur wenigen mir bekannten Autor (Science-Fiction oder nicht) gefunden habe. Das kommt gerade bei solchen Romanen wie "Eden" zum Tragen, wo Lem es tatsächlich gelingt, die Flora und Fauna eines fremden Planeten bis ins kleinste Detail überzeugend zu schildern - und die geschilderten Tiere, Pflanzen und sogar die außerirdische Technologie sind tatsächlich "fremd" - so fremd, daß sie entsprechende Versuche bei "Star Trek" u. a. in den Bereich des Lächerlichen verweisen, und es wird klar, daß Lem einfach in einer ganz anderen (wenn nicht eigenen) Klasse spielte.

Selten bei Science-Fiction ist, daß auch das Menschliche bei Lem bis in die Nuancen hinein ausgelotet wird, und auch wenn z. B. die Charaktere (lies: die Raumschiffbesatzung) in "Eden" leicht klischeehafte Züge tragen (sie werden - bis auf eine Ausnahme - lediglich mit ihrer Funktion auf dem Schiff benannt: Koordinator, Chemiker, Physiker, Doktor, Ingenieur und Kybernetiker), so sind sie doch sympathisch gezeichnet. "Klischee" ist dabei aber doch ein zu hartes Wort; eher könnte man vielleicht sagen: das Persönliche tritt bei ihnen hinter der jeweiligen Funktion zurück. In Lems Schilderungen fließt stellenweise auch ein intelligenter, unaufdringlicher Humor mit ein, der zum Sympathischen der Charaktere beiträgt.

Um es kurz zusammenzufassen: Für jeden an Science-Fiction mit Niveau Interessierten kann ich sowohl "Eden" als auch stilistisch/thematisch verwandte Romane wie etwa "Der Unbesiegbare", "Transfer/Rückkehr von den Sternen" oder auch den erst kürzlich von Stephen Soderbergh neu (wenn auch, wie Stanisław Lem selbst angemerkt hat, nicht sehr überzeugend) verfilmten Roman "Solaris" wirklich empfehlen.
1 Lem begann sein Medizinstudium 1940 an der Universität Lemberg, mußte es dann aber 1941 unterbrechen und setzte es nach dem Einmarsch der Roten Armee fort (ebenfalls in Lemberg), um es schließlich in Krakau zu beenden.

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