Vor ein paar Wochen habe ich mir, mehr aus einem spontanen Impuls heraus, ein Buch ausgeliehen, dessen Titel schon seit Jahren irgendwo in meinem Hinterkopf herumgespukt hat: es handelt sich um den ersten Band von Robert Musils
"Der Mann ohne Eigenschaften".
Beim Lesen muss ich nun feststellen, dass Musil so dermassen viel an Informationen in dieses Buch hineingepack hat (ich bin gerade auf Seite 57), dass ich für die Lektüre allein des ersten Bandes leicht mehrere Monate veranschlagen würde. An Dichte und Informationsgehalt fällt mir so auf Anhieb an Gleichwertigem eigentlich nur der
"Ulysses" von James Joyce ein, der rein sprachlich und formal aber um einiges gewagter ist, während Musil sich doch eines eher traditionellen Stils bedient, den er aber souverän beherrscht.
Zum Inhalt: "Der Mann ohne Eigenschaften" behandelt ein ganzes Jahr in Wien um 1913/14. Die Hauptperson des Romans ist "Ulrich" (seinen Nachnamen erfahren wir nicht) - eben der "Mann ohne Eigenschaften". Eine der Besonderheiten dieses Buches ist nun, dass Musil die von ihm entworfene Szenerie gleichsam aus einer höheren Perspektive heraus schildert und so den Anschein einer überlegenen Einsicht in die Welt "da unten" vermittelt - einer Einsicht, die überaus kritisch ist und - jedenfalls auf den ersten 57 Seiten - den Eindruck erweckt, dass die Figuren der Handlung bei aller Respektabilität doch etwas Zweifelhaftes, beinahe Anrüchiges, auf jeden Fall leicht Suspektes an sich haben; als hätten sie es bei allen Bemühungen doch nicht so recht geschafft, ihren jeweiligen Lebensentwurf glaubhaft in die Tat umzusetzen.
Neben Ulrich treffen wir auf Walter und Clarisse, die miteinander verheiratet sind: Walter, eine Art verhinderter Künstler; Clarisse, die Frau, die in ihm seit ihren Jugendtagen etwas Besonderes sieht, dem Schein aber so recht doch nicht trauen will.
Das eben Gesagte macht vielleicht deutlich, dass "Der Mann ohne Eigenschaften" bei aller sprachlichen Virtuosität keine ganz einfach Lektüre ist (allein der erste Band umfasst 1040 Seiten). Trotzdem ist er - zumindest meinem Gefühl nach - eines der Bücher, die man als literarisch interessierter Mensch auf jeden Fall gelesen haben sollte.